Sonifikationen – klingende Datenströme

Die Berliner Gesellschaft für Neue Musik präsentiert das Festival

Sonifications – Audible Data Streams
Freitag, 27. – Sonntag, 29. Oktober 2017
Villa Elisabeth, Invalidenstraße 4a, 10115 Berlin

Sonifikationen – klingende Datenströme

Die Berliner Gesellschaft für Neue Musik präsentiert das Festival

Wie klingt ein Pulsar? Wie klingt es, wenn nachts das menschliche Gehirn träumt? Wie, wenn der New Yorker Gitarrist Hans Tammen auf der Bühne mit seiner „Endangered Guitar“ live die Daten seiner eigenen DNA sonifiziert? Wie verwandelt sich ein Schweizer Alpenpanorama in eine konzertante Klanglandschaft?


Rein technisch gesehen bezeichnet Sonifikation Verfahren zur Verklanglichung von Daten. Die historischen Wurzeln reichen zurück bis in die Zeit des Pythagoras, der mathematische Beziehungen durch akustische Experimente auf dem Monochord demonstrierte. Mit dem Aufkommen digitaler Schnittstellen und ihrer Codes entwickelte sich die Sonifikation, als akustisches Pendant zur Visualisierung in der Bildenden Kunst, nun auch in der Musik rasant. Seit Mitte der 1980er Jahre entstand eine neue Strömung, die ein breites Spektrum künstlerischer Produktionen, oftmals in Kooperation mit den Wissenschaften, hervorbrachte.


Mittlerweile stellt die Sonifizierung außermusikalischer Vorgänge wie Meeresströmungen oder Aktienkurse als Form der künstlerischen Nutzung wissenschaftlicher Daten technisch kein Problem mehr dar. Umso entscheidender ist die Frage geworden, ab welchem Punkt ein Objekt künstlerisch‐wissenschaftlicher Forschungen zum Artefakt wird. Wie kann den Künsten der nächste folgerichtige Schritt gelingen, über physische Erfahrungen mit Daten für den Hörer einen neuen Wirklichkeitsbezug herzustellen? Welche Kriterien bestimmen den ästhetischen Gehalt und machen eine auf Sonifizierung beruhende Arbeit zu einem eigenständigen musikalischen Werk?

Das dreitägige Festival Sonifikation – klingende Datenströme der Berliner Gesellschaft für Neue Musik untersucht diese Fragen von Freitag, dem 27. bis Sonntag, dem 29. Oktober 2017 in der Berliner Villa Elisabeth und präsentiert aus der Vielfalt aktueller Sonifikationsstrategien Kompositionen, Klanginstallationen und Performances, die dem Anspruch eines künstlerischen Objektes gerecht werden.

Besondere Aufmerksamkeit gilt dem Live-Erlebnis, der sinnlichen, direkten Erfahrbarkeit von Sonifikation. Und so bietet das Festival ein eindrucksvolles Line-Up in Konzerten und Performances.
Die Berliner Gesellschaft für Neue Musik hatte exklusiv für das Festival in einem Open Call Kompositionsaufträge für „Perkussion/Schlagwerk/Objekte mit oder ohne Live-Elektronik“, „1 – 4 Streicher mit oder ohne Live-Elektronik“ sowie „Live-Elektronisches Equipment mit maximal 8 Lautsprechern“ ausgeschrieben.
Die ausgewählten Stücke für „Perkussion/Schlagwerk/Objekte mit oder ohne Live-Elektronik“ sind die Echtzeit-Sonifikationen „From Cloud To Fog“(Goldox, Guffond, Heissmeyer) und die Uraufführung „Listening Back“ (Guffond), zu erleben am Freitag, 27. Oktober, ab 20 Uhr. Außerdem live an diesem Abend Solo-Performances von Hans Tammen, Åsa Stjerna, Ricardo Climent. Die 3D-Daten-Solo-Tanz-Performance „Embodiment of WLAN-Traffic“ der japanischen Choreografin und Tänzerin Tomoko Mio, beruhend auf dem Daten-Klangfenster von Jutta Ravenna, ist an diesem Freitag erstmals und im Verlauf des Festivals dann noch zwei weitere Male zu sehen.

Ein besonderes Highlight erwartet das Publikum am Samstagabend um 20 Uhr. Das international renommierte Berliner Kairos Quartett gestaltet die über den Open Call ausgewählten Werke „Dérive“ (für Streichquartett und Live-Elektronik) von Lula Romero und „Auflösung“ von Luc Döbereiner (für Cello, Transducer und Live-Elektronik), beides Uraufführungen.
Außerdem bringt das Kairos Quartett drei Stücke aus dem eigenen Repertoire von Iannis Xenakis, Knut Müller und Martin Iddon. Zum großartigen Abschluss des zweiten Festivaltages wird der legendäre Fluxus-Künstler Terry Fox gewürdigt. Fox hatte Anfang der 1980er Jahre angesichts der Berliner Mauer vor seinem Atelierfenster „eine Klangkarte, eine Partitur, eine Art hörbare Geografie dieser Struktur“ angefertigt. Arnold Dreyblatt interpretierte und realisierte von „Berlin Wall Scored for Sound” eine Instrumentalversion für Streichquartett, das Kairos Quartett spielt.

Auch am Festival-Sonntag sind Werke eines wahren Klassikers der Sonifikation zu erleben: „Panorama“ und „Copied Lines“ von Alvin Lucier. Dem Schweizer Komponisten und Posaunisten Roland Dahinden gewidmet, basiert „Panorama“ aus dem Jahr 1993 auf der Sonifikation einer Zeichnung des von der Schweizer Stadt Zug aus betrachteten Waldspitzpanoramas. Lucier leitete die Frequenzen von den Höhen der Berge und die Dauern von ihren Distanzen ab. Die Alpensilhouette wird auf den Tonhöhenverlauf der Posaune übertragen. „Copied Lines“ ist Luciers Neubearbeitung von „Panorama“ aus dem Jahr 2011, wiederum für Posaune, aber anstelle des Klaviers mit 13 Streichern; ausgeführt von Roland Dahinden und dem Ensemble Junge Streicher der Musikschule Berlin-Pankow.
Außerdem – als Schweiz-Spezial – die Improvisationen „free lines_one“ und „free lines_two“ mit Roland Dahinden (Posaune), seiner ständigen Klavierpartnerin Hildegard Kleeb sowie Alexandre Babel am Schlagzeug.
Mit dem „White Piece“ der Schweizer Performance-Künstlerin Mio Chareteau schließt das Festival auf besondere Weise. An der Grenze zwischen Stillem Leben, minimalistischer Musik und sorgfältiger Performance hat Chareteau ein Stück für Klavier und 150 weiße Papierkarten konzipiert, bei dem die Pianistin Hildegard Kleeb ihr Instrument gar nicht berührt und doch Klang erzeugt.

Ergänzend und vertiefend zu diesem ausführlichen Konzert- und Performanceprogramm untersucht das Festival mit weiteren Diskurs-Veranstaltungen den ästhetischen Gehalt von Sonifikation.
Deutschlandfunk-Redakteur Marcus Gammel, der sich seit vielen Jahren in seiner Sendereihe „Sonarisationen“ um das Thema verdient macht, diskutiert am Samstag mit seinen Gästen Werner Cee, Sukandar Kartadinata, Dr. Thomas Hermann, Rodrigo Pérez-Garcia und Prof. Alberto de Campo die Frage nach der Rolle von Sonifikation als Schnittstelle zwischen Wissenschaft und Kunst. Als Live-Act machen Klangkünstler Cee und Instrumentenbauer Kartadinata mit „KLIMA | ANLAGE“ den Klimawandel sinnlich erfahrbar.